Missbrauchsfalle Internet

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Kinder und Jugendliche müssen über die Gefahren im Netz aufgeklärt werden (Kresibote vom 6.3.2013)

Ein 25Jähriger gibt sich im Internet als Jugendlicher aus und nötigt Kinder und Jugendliche zu sexuellen Handlungen vor der Webcam. Im Ostallgäu terrorisiert ein 20-Jähriger eine 14-jährige, die er zuvor im Internet kennen gelernt hatte. Das world wide web' scheint sich zunehmend zu einer Gefahrenstelle für Kinder und Jugendliche zu entwickeln. Polizei und Jugendämter im Oberallgäu haben das längst erkannt und versuchen gegenzusteuern. „Wir wollen präventiv und vorausschauend aufklären", sagt Thomas Baier-Regnery, Leiter des Amts für Jügendarbeit bei der Stadt Kempten.

 In den vergangenen Jahren stieg die Anzahl von Fällen sexueller Belästigung und sexuellen Missbrauchs über das Internet und auch von realem Missbrauch, der durch das Internet angebahnt wurde, erheblich an. So gelang der Polizei vergangene Woche in bundesweiten Razzien ein Schlag gegen mutmaßliche Online-Kinderschänder. Die Ermittler durchsuchten 40 Wohnungen von Verdächtigen in Hessen, Bayern, Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfalen. Den mehr als 40 Beschuldigten wird vorgeworfen, vergangenen September im Internet-Chat eines Sozialen Netzwerkes Kontakt zu Kindern und Jugendlichen gesucht haben. Sie gaben sich als Gleichaltrige aus und erschlichen sich ihr Vertrauen. Wie im Falle des Studenten aus Baden-Württemberg nahmen sie vor der Webcam Handlungen an sich vor und forderten auch ihre Chatpartner dazu auf.

Auch im Ostallgäu wurde vergangene Woche ein 20-Jähriger festgenommen, der zu einem 14 jährigen Mädchen auf einer Internetplattform Kontakt aufgenommen haben, sie anschließend mit Telefonanrufen terrorisiert und teils sexuell beleidigt haben soll.
Das Internet hat das Kommunikationsverhalten in den vergangenen Jahren sehr stark verändert, sind sich Experten einig. Für mehr als 90 Prozent der Jugendlichen gehören soziale Plattformen, Facebook, Chats oder Instant Messenging zum Alltag. Baier-Regnery spricht von einer „wahnsinnig rasanten Entwicklung". Mit all ihren negativen Begleiterscheinungen wie „Cyber-Mobbing", Verstöße gegen den Datenschutz oder das Urheberrecht.
So selbstverständlich der technische Umgang mit den neuen Kommunikationsmitteln ist, so gering ist bei Kindern und Jugendlichen aber oftmals das Wissen über die Risiken, die sich dahinter verbergen. Eltern und Lehrer sind angesichts der Welt der Sozialen Netzwerke und Messenger Dienste oftmals hilflos und überfordert. „Man muss den Umgang mit Medien lernen", betont der Leiter des Amts für Jugendarbeit.

Aufklärungs- und Präventionsarbeit sind notwendig, um derartige Vorfälle zu verhindern, die für die Betroffenen — sowohl die Kinder oder Jugendlichen als auch deren ElJugendarbeits eine enorme psychisChe Belastung darstellen.
Laut Kreisjugendpfleger Stefan Wanner gibt es im Oberallgäu keine zentrale Stelle, die sich um den sicheren Umgang mit den neuen Kommunikationsmöglichkeiten kümmert. Wanner bietet an den Oberallgäuer Schulen Workshops und Vorträge über den sicheren Umgang mit dem Internet an. Zudem hält er als Freier Referent öffentliche Vorträge für Eltern und Pädagogen. Auch das Schulmedienzentrum in Immenstadt organisiert Vorträge für Schulen und Elternabende. Zudem verfügt jede Polizeidienststelle über einen Präventionsbeamten, der sich mit dem Thema Internet beschäftigt und auf Anfrage an Schulen über geeignete Präventionsmaßnahmen informiert.

»Nicht darauf reagieren«

In Kempten betrachten die zuständigen Stellen die Entwicklung schon seit Längerem ebenfalls mit Sorgen und versuchen mit einem umfangreichen Präventionsprogramm gegenzusteuern. „In fast allen Jugendhäusern und -treffs der Stadt ist das Internet ein Thema", berichtet Baier-Regnery. Im Rahmen des Projekts „Zukunft bringt's"
wurde vor eineinhalb Jahren darüber hinaus eine eigene Medienwerkstatt eingerichtet, um Jugendliche über den Umgang mit den neuen Medien zu informieren.
Für sie verantwortlich ist der Medienpädagoge Marcus Zahnleitner. Aufklärung und Prävention sind seiner Ansicht nach enorm wicziele „Die Jugendlichen müssen vorher schon wissen, wie sie mit dem Internet umgehen müssen", betont er. Das gelte im Besonderen für Soziale Netzwerke wie facebook. Dass Kinder und Jugendliche im weltweiten Web grundsätzlich keine persönlichen Daten hergeben, „müssen sie lernen wie bitte und danke sagen", betont Zahnleitner. „Reale Daten nicht weitergeben — das ist einfach Grundwissen." Vor allem Mädchen rät er, „keine reale Treffen ausmachen mit Menschen, die man nicht kennt."


Komme es im Chat oder in Messengern dennoch zu mysteriösen Vorfällen, rät er: „Nicht darauf antworten, nicht darauf reagieren — und sich ganz schnell an eine Vertrauensperson wenden." Das könnten Freunde, Eltern, aber auch Lehrer sein. Vor allem Letztere seien sehr interessiert an den zahlreichen Workshops, die in Kempten angeboten. Von einer „sehr hohen Resonanz" weiß Zahnleitner zu berichten. „Jugendliche dagegen machen sich erst Sorgen, wenn es zu spät ist", hat er festgestellt.
So rolle derzeit gerade eine Abmahnwelle von spezialisierten Anwälten über facebookUser wegen des mutmaßlichen Verstoßes gegen das Urheberrecht. Daher mahnt er beim Posten oder Verlinken von Fotos oder ähnlichem zu „Aufmerksamkeit und Vorsicht". „Man sollte bei jeder Meldung, die man verschickt, kurz innehalten und überlegen — an wen geht das alles", empfiehlt der Pädagoge.

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